
Feedback einholen – oder bewusst darauf verzichten?
Letzte Woche habe ich zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. In einem Seminar war ich Leiterin, in einem anderen Teilnehmerin. Und plötzlich stand eine Frage im Raum, die mich seitdem nicht mehr loslässt: Wie viel Feedback braucht ein Veränderungs- oder Lernprozess eigentlich wirklich?
Zwei Haltungen
Haltung 1: Feedback als gemeinsame Orientierung
In unserem Führungsprogramm LEAD² holen wir am Ende jedes Seminartages ein kurzes Stimmungsbild ein.
Wir fragen zum Beispiel:
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- Wie hilfreich war der heutige Tag für euch?
- Wovon wollt ihr mehr?
Der Hintergrund ist eine klare Haltung: Wir verstehen Lernen als gemeinsamen Prozess. Die Teilnehmenden bringen – vor dem Hintergrund ihrer Lernziele und ihres betrieblichen Umfelds – Erwartungen, Fragen und Erfahrungen ein. Wir Trainer:innen gestalten den Rahmen, stellen Methoden zur Verfügung und begleiten den Lernweg. Feedback hilft uns dabei, den Prozess fein nachzujustieren. Es schafft Orientierung, es ermöglicht Anpassungen und es vertieft Verbindung.
Haltung 2: „Feedback geben ist nicht eure Aufgabe“
Im anderen Seminar erlebte ich eine ganz andere Perspektive. Die Trainerin sagte: „Feedback geben ist nicht eure Aufgabe.“
Ihr Gedanke dahinter: Feedback kann auch eine Erwartung oder einen Druck erzeugen. Teilnehmende fühlen sich möglicherweise verpflichtet, etwas zu sagen. Oder glauben, sie müssten die Arbeit der Trainer:innen bewerten.
Indem die Trainerin bewusst nicht danach fragte, wollte sie uns entlasten und gleichzeitig die Verantwortung klar bei uns lassen – für unseren eigenen Lernprozess, in unserem eigenen Tempo. Dieser Gedanke schien mir interessant und lässt mich nicht mehr los. Dabei beschäftigt mich noch eine weitere Frage:
Was wünschen sich eigentlich die Teilnehmenden selbst?
Viele Menschen, die ich in Seminaren erlebe, haben durchaus ein Bedürfnis nach solchen Rückmelde-Momenten. Nicht unbedingt, um die Trainerin zu bewerten. Sondern weil es ihnen hilft, innezuhalten und zu sortieren:
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- Was war heute wichtig für mich?
- Was hat mich bewegt?
- Was nehme ich mit?
Manchmal ist Feedback weniger Rückmeldung an die Seminarleitung als eine Selbsoffenbarung. Es kann ein Moment sein, in dem Erfahrung sich verdichtet.
Feedback kann mehr sein als Rückmeldung
Vielleicht liegt hier ein Missverständnis. Wenn wir von Feedback sprechen, denken viele zuerst an Bewertung, doch es kann noch viel mehr sein.
Es kann
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- Resonanz sein auf das, was im Raum entstanden ist,
- Orientierung geben im eigenen Inneren,
- Möglichkeit zur Anpassung des Lernweges geben –
aber auch:
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- Selbstklärung für die Teilnehmenden
- Würdigung der gemeinsamen Arbeit
- ein Moment der Beteiligung, in dem Lernende zu Mitgestaltenden werden
- ein Raum für emotionale Verarbeitung
- ein kleines Abschlussritual am Ende eines intensiven Lerntages
und noch vieles mehr sein.
In diesem Sinne ist Feedback weniger eine Bewertung als ein Echo – ein verdichteter Moment, in dem das Erlebte mit eigener Stimme hörbar wird.
Zwischen Bewertung und Reflexion
Wir Trainer:innen wissen, dass es einen entscheidenden Unterschied macht, WIE wir nach Feedback fragen.
Fragen wie
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- „Wie gut war das Seminar?“
- „Wie zufrieden sind Sie?“
laden eher zur Bewertung ein.
Fragen wie
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- „Was war heute für Sie besonders hilfreich?“
- „Was nehmen Sie für sich mit?“
- „Mit welchem Gefühl gehen Sie heute nach Hause?“
öffnen eher einen Reflexionsraum.
Und genau dieser Raum kann für den eigenen Lernprozess wertvoll sein. Vielleicht ist die eigentliche Frage gar nicht:
Braucht ein Lernprozess Feedback?
Sondern:
Brauchen Menschen einen Moment, um ihr eigenes Lernen auszusprechen?
Denn oft entsteht die wichtigste Erkenntnis erst in dem Moment, in dem jemand sagt:
„Das nehme ich für mich mit.“
